In Italien wird eine generelle Impfpflicht eingeführt - als Konsequenz aus einer aktuellen Masernepidemie (ZEIT online 2017).

Die Impfpflicht wurde mittlerweile rechtskräftig verabschiedet, im Vergleich zur ursprünglich diskutierten Fassung gab es einige "Abschwächungen" im jetzt gültigen Gesetz (Südtirol onine 2017):

  • die Anzahl der vorgeschriebenen Impfungen wurde von 12 auf 10 gesenkt

  • die Strafandrohung bei Verstößen von zuvor bis € 7500 wurde auf € 100 - 500 gesenkt, offen und u.U. auch in der Entscheidungsbefugnis der Regionen ist die Frage, ob dies eine einmalige oder jährliche Strafzahlung ist. Auch sollen betroffene Eltern vor Verhängen der Geldstrafe von den Gesundheitsbehörden zu einem Beratungsgespräch geladen werden.

  • die ursprünglich geplante Meldung von Verstößen an die Staatsanwaltschaft mit dem Ziel, das Sorgerecht zu entziehen oder einzuschränken, findet sich nicht mehr im endgültigen Gesetzestext.

  • Geblieben ist hingegen der Ausschluss von Kinderkrippen/gärten für nicht pflichtgemäß geimpfte Kinder.

 

Der Hintergrund

Vom 01.01.2017 bis zum 12.09.2017 sind in Italien mehr als 4400 Menschen an Masern erkrankt - wie bei "modernen" Ausbrüchen in Ländern mit flächendeckender Masernimpfung üblich überwiegend ältere Jugendliche und Erwachsene; mittlerweile gab es 3 Todesfälle zu beklagen (CDTR 2017): so starb ein Sechsjähriger an Leukämie Erkrankter  (CDTR Week 26), sowie zwei weitere Ungeimpfte Kinder im Alter von 16 Monate bzw. neun Jahren. Zwei Fälle von Enzephalitis traten bislang auf (Filia 2017).

 

Masern Italien 20170613

(Quelle: epicentro 2017)

 

Mehrere Dinge sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert:

   zum einen wird die Erkrankung durch die italienischen Behörden (bewusst?!) dadurch dramatisisert, dass in der entsprechenden Übersicht über aufgetretene Komplikationen Symptome als Komplikationen angegeben werden, die erstens konstituierend zum Krankheitsbild Masern gehören (Durchfall, Keratokonjunktivitis, Laryngotracheobronchitis) und die zweitens (wie Durchfall oder Bronchitis) die prinzipiell gute Prognose der Erkrankung in Europa in keiner Weise verändern - in Europa stirbt kein Mensch an Masern, weil er im Rahmen der Erkrankung einen Durchfall oder eine Bronchitis entwickelt, auch bleibende Schäden nach diesen Beschwerden gibt es keine.

   zum anderen ist die Situation in Italien mit der in Deutschland in keiner Weise vergleichbar: die Impfquoten für Masern in Italien liegen seit vielen Jahren weit unter denen, die in Deutschland konstant ohne jede Impfpflicht erreicht werden. Bei Impfquoten wie in Italien sind Epidemien wie die aktuelle (oder die von 2006) nicht zu verhindern.

 

Masernimpfquoten D I

  

   auch in Italien werden dann aber - wie in Deutschland in den Parteitagsbeschlüssen von CDU (2015) und FDP (2017) gefordert - keine halben Sachen gemacht: die Impfpflicht wird gleich pauschal eingeführt/gefordert, ausdrücklich auch für Erkrankungen wie Tetanus/Wundstarrkrampf, die überhaupt nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden können und für Impfungen, die schon aus grundsätzlichen Überlegungen heraus keine Herdenimmunität vermitteln können wie z.B. Polio/Kinderlähmung. Dies zeugt entweder von völligem Fehlen jedweder Sachkenntnis oder beweist, dass es letztendlich doch andere als hehre epidemiologische Gründe sind, die hinter der Entscheidung/Forderung stehen... Schließlich steigert eine generelle Impfpflicht den Umsatz der Impfstoffhersteller nicht unerheblich - so ist es sicher reiner Zufall, dass diese Entscheidung just in der Zeit fällt, in der der Impfstoff-Gigant GlaxoSmithKline 1.000.000.000 € in Italien investiert.... (ItalyEurope24 2016). Die italienische Opposition kritisiert die Einführung der Impfpflicht scharf und spricht folgerichtig von einem "Geschenk für die Pharmaindustrie" (Tagesschau 2017).

In Deutschland hält der zuständige Bundesgesundheitsminister auch angesichts der Entscheidung in Italien eine Impfpflicht für nicht notwendig (DAZ 2017) - als neue Idee steuerte sein Parteifreund und Ärztefunktionär Rudolf Henke (stellvertretender Vorsitzender im Gesundheitsausschuss des Dt. Bundestages) jedoch z.B. steuerliche Strafen für Impfverweigerer bei (DAZ 2017). Seine gleichzeitige Äußerung, Aufklärungskampagnen zum Thema Impfen brächten nichts (PZ 2017) wirkt angesichts der oben aufgeführten und in Deutschland als Folge eben dieser Aufklärungskampagnen erreichten Impfquoten ein wenig postfaktisch, weisen doch in Italien Gegener des Impfdekrets darauf hin, dass in Ländern wie Deutschland ohne Impfpflicht wesentlich höhere Durchimpfungsraten erreicht würden... .

Eines ist übrigens in Italien und Deutschland gleich: mindestens 5% der an Masern Erkrankten sind mindestens zweimal gegen Masern geimpft..... (s.o. und RKI 2017)

 

Literatur

CDTR vom 20.05.2017. Abruf 20.05.2017

CDTR Week 26. Abruf 01.07.2017

DAZ.online vom 22.05.2017. Abruf 26.05.2017

Epicentro. http://www.epicentro.iss.it/problemi/morbillo/Infografica2017.asp. Abruf 31.05.2017

Filia A. Euro Surveill. 2017;22(37):pii=30614. Abruf 18.09.2017

ItalyEurope24. http://www.italy24.ilsole24ore.com/art/business-and-economy/2016-04-12/glaxo-investe-siena-133250.php?uuid=ACZ2y35C. Abruf 21.05.2017

PZ online vom 28.04.2017. Abruf 26.05.2017

RKI. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch 2016. Berlin 2017

Südtirol online vom 20.07.2017. Abruf 29.07.2017

Tagesschau. https://www.tagesschau.de/ausland/impfpflicht-italien-101.html. Abruf 21.05.2017

ZEIT Online vom 19.05.2017. Abruf 20.05.2017